Kann psychosoziale Beratung via Internet sinnvoll sein?

Mit dem Einsatz neuer Medien hat sich auch die Informations- und Kommunikationsstruktur im sozialen Bereich stark verändert: Psychosoziale Hilfeeinrichtungen betreiben eigene Homepages, recherchieren wichtige Informationen im Internet und kommunizieren via E-Mail. Immer mehr Menschen nutzen das Internet auf der Suche nach Rat und Hilfe als Informationsquelle und Kommunikationsmedium. In virtuellen Selbsthilfeforen können sich Betroffene untereinander im Chat oder per E-Mail austauschen, professionelle Hilfe findet sich in virtuellen Beratungsstellen oder beim Expert(inn)en-Chat. Für die jüngeren Generationen sind die neuen Medien selbstverständlicher Bestandteil ihrer Lebenswelt, und der Bedarf an Hilfe und Beratung im Internet wächst weiter. Link zu Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2005 (Auszug) Link zu Basisdaten AGOF internet facts 2005-I (Auszug) Link zu Bedarfsevaluation zur Online-Beratung (Prof. Dr. Gehrmann, FH Darmstadt)

Online-Beratung per E-Mail oder Chat hat den großen Vorteil, dass sie sehr niedrigschwellig ist. Besonders bei schambesetzten Themen wie Sucht, Depressionen, (sexuellen) Gewalterfahrungen oder Essstörungen ist der Weg zur Beratungsstelle für viele Betroffene sehr schwer. Online-Beratung kann ihnen durch die Wahrung ihrer Anonymität eine Brücke bauen und Mut für die nächsten Schritte machen.

Psychosoziale Beratung via Internet ist nicht weniger vernünftig als eine persönliche Beratung von Angesicht zu Angesicht oder etwa die Arbeit der Telefonseelsorge. Es ist eine andere Form von Beratung, die unter anderen Bedingungen stattfindet und andere Vor- und Nachteile hat als traditionelle Beratungsformen.

Was ist online zu beachten?

Die Kommunikation im Internet unterliegt besonderen psychosozialen und technischen Bedingungen, die einen Beratungsprozess online von einer face-to-face-Beratung wesentlich unterscheiden:

Die größere Anonymität im Internet macht eine Online-Beratung für die Klient(inn)en einerseits niedrigschwelliger – sie kann diese gleichzeitig aber auch unverbindlicher wirken lassen: Ein Chatraum kann jederzeit ohne Begründung verlassen oder der E-Mail-Kontakt zu den Beratenden abgebrochen werden. Daraus ergeben sich unmittelbare Konsequenzen für die Gestaltung des Beratungsverlaufs.

Vielleicht ist der oder die Ratsuchende unfreiwillig aufgrund technischer Schwierigkeiten aus dem Chat gegangen? Oder kann aufgrund von Viren nicht mehr ins Internet, um die E-Mails zu beantworten? Oder sind diese technischen Schwierigkeiten doch nur vorgeschoben? – Kein Zweifel: Der Umgang mit Computer und Technik wirft neue Fragen auf.

Die wesentlich stärkere Tendenz der Klient(inn)en zur Selbstoffenbarung im Internet ist für die Beratungen einerseits positiv zu bewerten – diese „enthemmende Wirkung“ der Online-Kommunikation birgt aber auch erhebliche Konfliktpotentiale, denen es vorzubeugen gilt.

Da Körpersprache und Stimmlage über den Computer nicht mit übertragen werden (bzw. die entsprechende Technik nur selten genutzt wird), verstärkt sich die Wirkung anderer Informationen. Emoticons und Aktionswörter werden als „nonverbale“ Sprache eingesetzt und sollen Gesten oder Mimik ersetzen; scheinbar irrelevante Informationen wie die Länge der Zeit, die bis zu einer E-Mail-Antwort vergeht, können metakommunikativ interpretiert werden: „Die Beraterin mag mich nicht, sie hat mir seit gestern nicht geantwortet“. Mit welchen Mitteln kann bei Computervermittelter Beratung (CvB) Transparenz und Verbindlichkeit hergestellt werden?

Bei der CvB stellen sich neue soziale, technische und oft auch sicherheitsrelevante Fragen, die beantwortet werden müssen. Beratende sehen sich neuen Aufgaben gegenüber, die sich aus der Nutzung der neuen Medien ergeben. Entsprechende pädagogische Fähigkeiten müssen entwickelt und die technischen Fertigkeiten auf eine solide Basis gestellt werden.

Weiterbildung zur Online-Beraterin – wir zeigen Ihnen, wie man Fahrrad fährt…

Die Weiterbildung hat zum Ziel, das pädagogische und technische Know-how für die Online-Beratung zu vermitteln und dabei zugleich die besonderen Wirkungen Computervermittelter Kommunikation (CvK) praxisnah erfahrbar zu machen. Aus diesem Grund findet die Weiterbildung überwiegend online statt. Der ebenfalls wichtige Austausch von Angesicht zu Angesicht wird durch die ergänzenden Präsenztermine ermöglicht.

„eLearning ist ein bisschen wie das Erlernen von Fahrradfahren“, sagt Katja H., eine Teilnehmerin. „Es nützt nicht viel, erklärt zu bekommen, wie es funktioniert. Man muss sich einfach selbst auf das Fahrrad setzen und es ausprobieren. Jede(r) kann es lernen und es macht Spaß.“

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Für Beratende und Ratsuchende

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